Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein Geschichtenerzähler namens Udo, der mit seinem Leben unzufrieden war, weil er meinte, dass er nicht reich und berühmt genug war. So fing er an zu überlegen, wie er diese Situation ändern könnte.

„Es muss etwas ganz Einzigartiges und Großes sein, das niemand je gewagt hat“, beschloss er.

Er sann viele Tage, Wochen und Monate über sein Vorhaben. Er sah sich schon bei Empfängen in Literaturhäusern, bei Interviews auf den besten Rundfunk- und Fernsehkanälen. Dabei strahlte er und erzählte begeistert, wie er zu seinem Meisterwerk kam.
In Wirklichkeit aber bot sich keine richtige Idee an – er wurde grantig, verlor Schlaf und Appetit. Sein halblanges graues Haar, einst eine rote Prachtmähne, wirkte matt und dünn, während die blauen Augen aus dunklen Höhlen hervorstachen.

„Wie, wie soll ich es anders anstellen, was mache ich falsch?“

Von seinem Projekt hatte er niemandem erzählt aus lauter Angst, andere könnten ihm seine Idee stehlen. Als er nahe daran war, das Ganze über Bord zu werfen, um nicht endgültig dem Wahnsinn zu verfallen, kam sie endlich – die leuchtend rettende Idee: Er würde das Lied der unendlichen Möglichkeiten komponieren! So wie der alte König von einst würde er mit seinem Lied weit über seine Lebenszeit und die Grenzen seiner Heimat hinaus in der ganzen Welt bekannt sein!

„Es soll etwas Großes, Buntes, Inspirierendes werden, das dem Thema alle Ehre macht. Ein Lied muss singen, anschwellen, das Gemüt mal in die eine, mal in die andere Richtung lenken, den Geist erfreuen, bislang ungeahnte Welten eröffnen“, überlegte er, die spärlichen Haare seines rotblonden Ziegelbarts streichelnd.

Je länger Udo sich mit seiner Idee befasste, umso bewusster wurde ihm ihr Umfang. Dies regte ihn auf, ließ ihn in seinem Haus gedankenverloren auf- und abgehen. Manchmal hielt er inne und schritt zu seinem großen Schreibtisch, machte sich ein paar Notizen auf Papier oder tippte etwas in den Computer.


Der Frühling kam und verging. Dann war der Tag da, an dem Udo klar wurde, dass der einzig vernünftige Schritt war, sich zunächst in die weite Welt zu wagen und möglichst viel von ihr kennenzulernen.

„Mein Lied kann nicht nur aus Worten bestehen. Nein! Es soll genauso abwechslungsreich sein wie die Erde bunt ist…“

„Dafür benötige ich Material aus erster Hand“, murmelte er vor sich hin und lächelte.

„Ja, ja, genau! Das ist es!“

Jetzt hallte sein Lachen im ganzen Haus wider – seine Lebensgeister waren ganz und gar zurückgekehrt!
Er schritt voller Schwung hin und her.

„Ich brauche eine ganze Palette an Erfahrungsberichten von möglichst vielen Menschen. Am besten fange ich mit Wissenschaftlern aus den verschiedensten Forschungsgebieten an. Sie zu interviewen dürfte nicht kompliziert sein“, sprach er laut vor sich hin.

„Dann brauche ich weise Menschen aus weitentfernten Kulturen. Ja, ganz wichtig. Ihre Erkenntnisse und Einstellungen unserer westlichen Welt mitzuteilen, das hat was!

Kurz hielt er inne, streichelte seinen Bart.

„Natürlich müssten die Tier- und Pflanzenwelten im Endprodukt ebenfalls vertreten sein – ebenso wie Künstler aller Richtungen.“

Er machte sich Notizen am Rande eines schon vollen Blattes.

„Das heißt, ich werde ziemlich lange unterwegs sein müssen!“


Sein Lächeln verschwand, als er sich die unzähligen Berge und Täler, Wüsten und Ozeane vorstellte, die darauf warteten, von ihm durchquert zu werden. Vielleicht würde die Reise sogar teilweise gefährlich sein, seine Kräfte beanspruchen. Wahrscheinlich würde sie ihn in vielfacher Hinsicht auf die Probe stellen.

„Mit guter Vorbereitung ist alles zu schaffen!“, meldete er zuversichtlich seinen Bücherreihen auf den Regalen, griff nach seinem alten Hut und verließ das Haus, um erste Maßnahmen zu treffen.

* * *

Am Tag der Abreise schloss Udo sein Haus gewissenhaft ab, schulterte frohen Mutes die schwere Reisetasche und ließ sich zum Flughafen fahren, wo bereits ein paar Freunde auf ihn warteten. Strahlend nahm er ihre guten Wünsche entgegen, versprach, auf sich aufzupassen, und war bald hinter milchig schimmernden Glastüren verschwunden.
Er wollte ein paar Monate wegbleiben und hatte sich einen groben „Forschungsplan“ erstellt. Schnell nahm die Reise andere Ausmaße an und der Forschungsplan erwies sich als unzureichend. Aus den Monaten wurden Jahre, da jede neue Einsicht ältere Erkenntnisse in Frage stellte.

Der Geschichtenerzähler war in der Zwischenzeit schon bei unzähligen Professoren an unzähligen Universitäten in unzähligen Städten gewesen, hatte sich dem schlummernden Herzen von Vulkanen in der nördlichen und südlichen Halbkugel genähert, war durch Wüsten auf Kamelenrücken geritten, in U-Boote abgestiegen und in Luftballons über die höchsten Berge geflogen. Unermüdlich hatte er Stämme in entlegenen Urwäldern aufgesucht und sie zu ihrem Lebenswandel und ihrem Glauben befragt. Er hatte es nicht ausgelassen, sich sogar mitten in Schlachtfeldern mit Soldaten zu unterhalten. Kurzum, er hatte keine Mühe gescheut und war keiner Gefahr gewichen, um sein Projekt zu verwirklichen. Ab und an schickte er den Freunden daheim eine kleine Nachricht.


Trotz der Strapazen fühlte er sich wohl, sein Körper war wieder muskulös – wie zu Jugendzeiten. Seine blauen Augen strahlten. Seinem sympathischen Aussehen verdankte er viele private Einladungen zum Essen und sogar manche Interviews bei lokalen Radio- und Fernsehsendern.

„Was treibt Sie an?“, wurde er oft gefragt.

„Die Neugier. Die Bewunderung. Das Staunen. Die Welt und die Menschen sind so bunt!

„Vermisst Du Deine Heimat nicht?“

„Hm. Schwer zu sagen. Manchmal schon – vor allem meine Freunde. Aber dann treibt mich die Neugier weiter an. Vielleicht auch die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen.“

So war das Leben schön. Udo genoss die Freiheit. Doch, als er eines Morgens beim Aufwachen ins blaue Meer einer Lagune blickte, die wie aus einem Bilderbuch rund und klar vor ihm in der Sonne glitzerte, kam ihm der Gedanke:

„Alter Mann, lass es gut sein! Jetzt ist es an der Zeit, endlich nach Hause zurückzukehren!“

Benommen von der Klarheit der Feststellung und noch schlaftrunken setzte er sich im Bett seines kleinen Bungalows auf. Ein anderer schien die Regie in seinem Kopf übernommen zu haben.

„ Ja, Du musst zurück. Es war eine tolle Zeit, keine Frage. Aber jetzt musst Du Dich an das Komponieren des Liedes setzen. Verliere keine Zeit mehr!“

Er dachte an das gesammelte Material mit den hunderten Stunden Interviews sowie die tollen Filme, die Notizen und die Geschenke. Er seufzte, während sich eine leise Angst in ihm breit machte.

„Alles zu sichten und zu ordnen, um das Lied endlich entstehen zu lassen, das wird richtig viel Arbeit!“

* * *


Im Morgengrauen eines sommerlichen Tages landete seine Maschine in der Heimat. Am Flughafen warteten die gleichen Freunde auf ihn. Ein breites Lächeln erhellte ihre Gesichter, als Udo vor die milchig schimmernde Glastür trat.

„Udo, endlich!“

„Alter Kumpel, dass ich Dich überhaupt noch erkenne!“

„Du siehst gut aus.“

Sie umarmten ihn. Vor Überraschung und Rührung stiegen Udo Tränen in die Augen und er merkte erst, wie sehr er sie alle vermisst hatte. Sie fuhren ihn nach Hause. Gelächter, Fragen und Geräusche verbreiteten sich auf einmal im verstaubten Haus. Der alte klapprige Tisch im verwilderten Garten erhielt umgehend eine bunte Decke, die Frauen zauberten allerlei Leckerbissen aus großen Körben hervor, die Männer überreichten ein paar Flaschen Wein. Im Nu entstand ein fröhliches und buntes Empfangsfest für den Weltenbummler. Alle wollten wissen, wo er überall gewesen war.

„War es sehr gefährlich?“, wollte Mechthild wissen.

„Du warst im Kriegsgebiet – so etwas Unvernünftiges! Wie kamst Du nur auf die Idee?“, empörte sich Siglinde.

„Und, wie sind die Frauen gewesen?“, schmunzelte Hans.

„Du siehst etwas mager aus. Komm, probiere doch diese Leberwurst hier!“, rief ihm die vollschlanke Mechthild zu.

„Ich habe mir solche Sorgen um Dich gemacht – Du sagst, Du bist ein paar Monate weg und kommst fünf Jahre später zurück!“, piepste Laura vorwurfsvoll.

„Was hat Dich am meisten beeindruckt?“, wollte Rainer zwischendurch wissen.

„Und geschrieben hast Du so gut wie nicht!“, beklagte sich Siglinde, ohne auf die Antwort zu warten.


Es war ein schönes Durcheinander der Fröhlichkeit. Gutmütig und geduldig saß oder stand Udo mitten im Kreis der Freunde und erzählte und erzählte – bis die Müdigkeit ihn überfiel.

„Entschuldigt, ich kann nicht mehr! Ich brauche nun Ruhe, meine Lieben, und sehne mich nach meinem Bett – nach so langer Zeit weiß ich kaum noch, wie es aussieht.“

Alle verabschiedeten sich widerwillig aber mit der Gewissheit, eine Premiere erlebt zu haben. Udo war zurück und sie waren als erste dabei gewesen! Der Erzähler versank alsbald in einen traumlosen Schlaf.

Nach ein paar Tagen setzte Udo an, die vielen Kisten, die er aus allen Ecken der Welt an seine Adresse verschickt hatte, auszupacken. Er staunte selbst über ihre Inhalte – Stoffe, Federn, Tongefäße, wissenschaftliche Abhandlungen, Reiseführer sowie kleine Geschenke, die ihm gemacht wurden. Da waren auch Romane, vergilbte Zeitungsartikel, Flug-, Bahn-, Flugzeug- und Schiffstickets, Eintrittskarten zu Tempeln und Kulturtempeln, zu Parks und Museen...
Die ganze Flut der Beweise ergoss sich über den Teppich des Wohnzimmers und quoll bald in alle übrigen Zimmer über. Sogar eine Kugel war dabei, die ihm hatte das Leben nehmen wollen. Das Schicksal hatte ihn aber im letzten Augenblick einen Sprung nach links machen lassen. Lediglich sein Rucksack wurde getroffen und die Kugel war in der Seife stecken geblieben. Gedankenverloren betrachtete er eine Weile die kleine Metallmasse in seiner Hand und war froh, am Leben zu sein.

Der Erzähler packte alles gewissenhaft aus, sortierte seine Funde chronologisch, notierte sie in Listen und ging von einer Insel der Erinnerung zur nächsten. Die allermeisten Gegenstände hatten den Transport gut überstanden, und er empfand Freude über den Reichtum ihrer Formen, Farben und Zwecke. Immer wieder blieb er stehen, etwas in der Hand haltend, und dachte an die Gegebenheiten, die diese Stücke zu ihm geführt hatten. Alles in allem fühlte sich Udo immens reich.
Und zusätzlich gab es noch die ganze Reihe virtueller Schätze bestehend aus USB-Sticks und Festplatten. Er legte neue Ordner in seinen Computern an, schob Dateien hin und her, speicherte alles doppelt.


Irgendwann war es geschafft, alles war geordnet.

„Jetzt ist die eigentliche Kompositionsarbeit dran!“, meinte er eines Abends, als er nachdenklich den Blick über die Materialhaufen schweifen ließ.

„Wo das mich wohl hinführen wird?“

Udo gönnte sich noch ein paar Tage Entspannung – er ging spazieren, besuchte seine Lieblingsrestaurants, schlief lange und ließ es sich rundum gut gehen. Er verbot sich, an die bevorstehende Arbeit zu denken und verbrachte schöne Stunden der Heiterkeit mit seinen Freunden.

„Wertvoller Alltag“, dachte er immer wieder mit einem Lächeln und war für die Erfahrungen dankbar.

An einem klaren, vom Vogelgezwitscher beschwingten Morgen begab sich Udo in das Arbeitszimmer. Er zog entschieden einige blanke Papierblätter zu sich heran und schrieb das Datum groß und deutlich in die obere rechte Ecke.

„Jetzt geht’s los“, kündigte er feierlich an.

Beinahe hätte er die Uhrzeit dazu geschrieben – als Geburtsstunde seines großen Werkes.

„Wie packe ich das Ganze denn an?“ dachte er laut nach.

„Bewegung, Abwechslung, Überraschung – das muss alles dabei sein…

„Vielleicht wäre eine Art Performance hier ideal…“

Er kritzelte begeistert auf den weißen Blättern, die bald nicht mehr weiß waren.

„Ja, das ist eine tolle Idee“.

„Nun geht es wohl darum, einen roten Faden zu finden, der durch die Geschichte führt. Was würde am besten passen?“


Nach Inspiration suchend fing der Erzähler an, um die Inseln seiner gesammelten Schätze zu schreiten.

„So kann ich nicht frei denken, alles zu eng hier“, beschloss er kurz darauf.

Wenig später lief er über kleine Pfade durch die grüne Landschaft und genoss die um diese Zeit noch frische Sommerluft.

„So, was ist eigentlich die wichtigste Erkenntnis der Reise? Ich muss Distanz gewinnen, abstrahieren, der ganzen Unternehmung einen Sinn geben!
Wie bringe ich meine Gedanken dem Zuschauer nahe?“

Müde und ausgehungert kehrte er spät abends nach Hause – ohne Antwort. Er schrieb dennoch ein paar Notizen nieder und ging schlafen.
Am nächsten Morgen entschied er sich für einen Spaziergang am naheliegenden Meer.

„Ich stecke das Diktiergerät ein, damit mir kein Gedanke verloren geht.“

Als er den feinen Sand unter seinen Füßen spürte, schweifte sein Geist kurz zu den unzähligen anderen Stränden, die er in den letzten Jahren entdeckt hatte.

„Mann, wenn ich so weiter mache, bin ich noch Jahre dran“, tadelte er sich.

„So, jetzt wird scharf und systematisch gedacht! Es geht doch gar nicht um irgendwelche Erkenntnisse, sondern um die Darstellung der Unendlichkeit. Dafür brauche ich nichts anderes als einen Faden, nur einen soliden Faden, der mich durch das Ganze führt. Der zu Erkenntnissen führen darf, klar …“

Er verstummte, gab einem Algenhaufen einen zornigen Tritt und verbrachte den Rest des Tages am Strand.
Abends kehrte er ohne neue Erkenntnisse nach Hause zurück. Enttäuscht kochte er sich eine kleine Mahlzeit.

„Ich muss nur etwas Geduld mit mir haben“, murmelte er vor dem Einschlafen.

„Ich kann nicht erwarten, alles auf Anhieb in Form zu bringen“, und schlief erschöpft ein.


Ergebnislos vergingen die Tage und aus dem Sommer wurde Herbst.

„Verdammt noch mal! Du hast so viel Zeit und Geld in dieses Projekt gesteckt und jetzt bist Du noch nicht mal in der Lage, mit einem kleinen Gedanken das Ganze ins Rollen zu bringen! Was für einen Blödmann bist Du eigentlich?“, beschimpfte er sich mal laut, mal still – mit diesen oder ähnlichen Worten.

Flüchtig tauchte ab und zu das lachende Gesicht einer alten weisen Frau im Urwald Perus in seinem Geist auf. Er hatte ihr damals gerade den Zweck seiner Reise anvertraut.

„Was willst Du machen? Die unendlichen Möglichkeiten des Lebens in einem großen Werk besingen?“

Sie hatte sich vor Lachen gekrümmt und geweigert, ihm den Grund ihrer Belustigung zu nennen.

Er verlor erneut den Appetit und den Schlaf. Sogar sein Lebenswille drohte, ihn zu verlassen.
Udo nahm keine Anrufe mehr entgegen, auch von seinen Freunden nicht, er sehnte sich nach Ruhe und konnte dennoch nicht entspannen. Er hatte so viele leere Blätter mit Konzepten und Schemata und Pfeilen gefüllt! Jedoch waren die eingangs golden leuchtenden Ideen alle nach ein-zwei Tagen verblasst und verpufft. Mal seufzte er resigniert, mal stand er ruckartig auf und jagte die Blätter durch den Schredder, mal trat er rückhaltlos in die Haufen gestrandeter Mitbringsel, die ihn langsam erdrückten.

„Was soll ich bloß noch machen?“, schrie er verzweifelt den Computer an.

An einem Nachmittag stürmte der Erzähler erneut aus dem Haus. Er konnte nichts mehr ertragen – sich nicht, den Computer und das Arbeitszimmer nicht. Die ganze Welt war ihm zuwider. Wie ein Besessener fuhr er abermals ans Meer, hielt mit quietschenden Reifen an, knallte die Autotüren zu und polterte den Strand hinunter.

„So viel Geld, so viel Zeit!“, schrie er in den Wind.


„Hätte ich bloß nur etwas Anderes unternommen! Jetzt wäre ich schon berühmt. Aber nein! Ich bin pleite und habe nichts mehr zu melden! Ich hasse diese Scheißsituation!“

Seine Schritte waren genauso groß wie seine Verzweiflung. Tausend Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum – immer wilder und düsterer. Plötzlich stolperte er und fiel auf den warmen Sand.

Kraftlos blieb er liegen. Auf einmal wurde alles still – der Gedankenkarussell war unterbrochen. Sein gegen den Sand heftig klopfendes Herz beruhigte sich langsam. Er nahm die Sonnenwärme wahr. Eine Brise fuhr durch seine Haare.
Die unerwartete Ruhe war wohltuend. Er schlief ein und wurde erst wieder wach, als die Sonne sich am Horizont verabschiedete. Er setzte sich auf, erinnerte sich an die Anfahrt und stellte nüchtern fest:

„Das Lied der unendlichen Möglichkeiten werde ich nie schreiben können!“

Die neue Klarheit tat gut. Von nun an brauchte er gegen keine Windmühlen mehr kämpfen!

„Aufgeblasene Eitelkeit!“, sagte eine Stimme ganz nahe.

Der Erzähler fuhr zusammen, blickte schnell umher. Wer war da?

„Blödsinn!“, rief die Stimme weiter.
„Es ist keiner da. Nur Du“.
„Wer bist Du denn? Oder werde ich verrückt, dass ich jetzt Stimmen höre?“
„Unsinn! Du warst ver-rückt und rückst langsam in Deine Mitte zurück! Endlich!“
„Was redest Du da? Was meinst Du?
„Ja, Du findest langsam zu Dir zurück!“
„Wer bist Du überhaupt?“
„Wer ich bin? Ich bin Du!“
„Du bist ich? Wie kann ich eine Stimme hören, die nicht meine ist? Ich rede doch nicht!“
„Wenn Du magst, kannst du mich die Stimme Deiner inneren Weisheit nennen. Reicht Dir das?


Er überlegte eine Weile.

„Na gut, fürs Erste.“

Auch die Stimme hielt kurz inne.

„Aufgeblasene Eitelkeit, Dein ganzes Unterfangen! Natürlich wirst Du nie die Unendlichkeit der Möglichkeiten darstellen können. In keiner Weise. Du Narr!“

Das lachende Gesicht der alten Frau aus dem Urwald schoss ihm kurz in den Kopf.

„Wie konntest Du nur daran glauben? Wie konntest Du nur von Deiner vermeintlichen Großartigkeit und Klugheit so verblendet sein?“

Verdutzt blieb der Erzähler mit hängendem Munde da sitzen. Was war das für eine Nummer? Niemand hatte ihn jemals so angefahren!
Um ihn herum verdichtete sich die Stille, als sich die Natur in die Wiege der Nacht langsam legte. In der lichten Luft verhallten nur noch wenige Vogelrufe.

„Dein ganzes Vorhaben war genauso überdimensioniert wie Deine Torheit und Deine Eitelkeit“, fuhr die Stimme etwas sanfter fort.“
„Kannst Du das jetzt erkennen?“

Der Erzähler wurde etwas unruhig.

„Na ja, ganz so hart würde ich es nicht bezeichnen. Anspruchsvoll, auf jeden Fall. Aber Torheit und Eitelkeit, das finde ich ungerecht!
„Wieso? Du wolltest besser als alle anderen sein, um damit protzen zu können. Dein geheimer Wunsch war doch der Beste zu sein, nicht wahr?“
„So gesehen hast Du gewissermaßen Recht. Aber Torheit…“
„… ist doch eine Unternehmung, von der man von vornherein weiß, dass sie zu nichts führt - oder?“
„Ja…“


„Richtig! Und? Wie sieht es mit der Darstellung der Unendlichkeit aus? Oder der unendlichen Möglichkeiten?“
„Da muss es doch einen Weg geben!“
„Kannst Du die Weltmeere trinken? Oder die Unendlichkeit des Universums gleichzeitig und in allen Details wahrnehmen?“
„Nein, natürlich nicht!“
„Genauso wenig kannst Du Unendlichkeit in irgendeinen festen Rahmen pressen!“

Der Erzähler schwieg.
Irgendwann stand er auf und ging langsam und bedrückt durch die Abendkühle zu seinem Auto zurück.

* * *

Der Samtvorhang ging langsam vor der großen Bühne zu: Es hing ein Augenblick absoluter Stille in der Luft, bevor aus dem Publikum tosender Applaus herausbrachte. Alle schrien und stampften. Eine Reihe nach der anderen erhoben sich die Zuschauer.

„Wir geben zurück ins Studio“, sagte eine körperlose Stimme über den Lautsprecher.

Die Kamera schwenkte in das grelle Licht.

„Udo Schilder, danke, dass Sie heute Abend bei uns sind“, sagte die nüchterne Moderatorin.
„Ich habe für die Einladung zu danken.“
„Gestern war Premiere Ihres Musicals ′Alabaladin′. Hätten Sie sich je träumen lassen, dass Menschen so enthusiastisch darauf reagieren würden?
„Ich hatte gehofft, dass sich die Menschen für die Themen interessieren würden. Aber mit einer
solchen Reaktion hatte ich wahrlich nicht gerechnet.“


Udo lächelte gelassen.

„Sie sind in den letzten vier Jahren mit unterschiedlichen Werken aufgefallen. Zunächst mit dem sehr schönen Bilderband ′Fünf Jahre als Fremder′ über Ihre Erfahrungen als Weltenbummler. Dann kam der Roman ′Wo ist zu Hause?′ und jetzt dieses Musical ′Alabaladin′. Was brachte diese Schöpfungswelle ins Rollen?
„Ausgangspunkt waren die fünf Jahre, in denen ich in der Welt unterwegs war.“
„Hatten Sie sich von vornherein ein bestimmtes Ziel gesteckt?“
„Ja, ich war neugierig, ich wollte Wissen, Eindrücke und Erfahrungen sammeln und neue kreative Impulse bekommen.
„Fünf Jahre ist eine lange Zeit! Da haben Sie bestimmt enorm viel gesehen und erlebt und vieles zusammengetragen. War das ein Segen oder ein Fluch für Sie als Künstler?

Udo lachte.

„Zunächst empfand ich tatsächlich die Summe meiner gesammelten Eindrücke und Materialien als einen Fluch. Ich war verzweifelt.“
„Warum?“
„Ich wollte alles in ein großes Werk packen – und das ging nicht.“
„Was hat Sie gerettet?“
„Bescheidener zu werden“, schmunzelte Udo in die Kamera.
„Wie meinen Sie das?“
„Anstelle des großen Werkes habe ich mir gesagt: Udo, sei realistisch, fange klein an, dann sehen wir weiter. Das war der Ursprung des Bilderbands. Noch bevor er fertig war, hatte ich die grobe Geschichte von ′Wo ist zu Hause?′ niedergeschrieben.


„′Alabaladin′ ist ein exotisch klingender Titel. Hat er eine Bedeutung?“
„′Alabaladin′ ist ein traditioneller Musikstil aus Malaysia. Das Wort klang gut in meinen Ohren. Es erinnerte mich an Aladin und an Balladen und hatte Verspieltes.“
„So wie das Musical.“
„Ja.“
„Wie in Ihren anderen Werken geht es hier um die Schwierigkeit der Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen aber auch – vor allem – um die Bereicherung aller Beteiligten, wenn die Hürden einmal überwunden sind.“
„Das ist eins der Themen. Ein grundlegendes Thema unserer Zeit.
„Was noch?“

Die Kamera holte Udos Gesicht nahe heran. Die feinen Linien um seine Augen zeugten von Lebensfreude, die senkrechten Furchen zwischen den Augenbraunen erzählten aber auch von den Schmerzen, die er überwunden hatte.

„Mir ist wichtig, die Menschen daran zu erinnern, dass sie in ihrem Leben immer eine Wahl haben, ihr Potential zu leben – mutig und freudvoll.
„Sie sind also ein Humanist?“
„Das könnte man so zusammenfassen, ja. Auch wenn der Begriff dem heutigen Zeitgeist nicht mehr entspricht und Begriffe immer eine Reduzierung bedeuten. Ich glaube auf jeden Fall an das Gute im Menschen und an seine Entfaltungsmöglichkeiten.“
„′Alabaladin′“ ist ein Feuerwerk an visuellen, akustischen und musikalischen Eindrücken. Sie mischen verschiedene Genres zu einem Ganzen. Wieso?
„Für mich war die Herausforderung, dem Zuschauer durch die Geschichte und den Reichtum an Sinneseindrücken die schier unglaubliche Vielfalt unserer Erde bewusster zu machen. Wir sind in einer Welt zu Hause, in der die gegensätzlichsten Meinungen, Lebensstile und Ideale neben einander existieren und wir dürfen uns nicht von der Annahme verblenden lassen, dass die bei uns herrschenden und als normal betrachteten Ansichten die einzig möglichen und sinnvollen sind.“


„Haben Sie weitere Projekte, die auf Ihren Reiseerfahrungen basieren?“
„Ich habe verschiedene Projektideen.
Wissen Sie, man kommt verändert von einer solchen Reise zurück, sie wirft Fragen auf. Ich betrachte mittlerweile unser Land mit anderen Augen. In manchen Hinsichten bin ich viel kritischer geworden. Manches fällt mir positiv auf, das ich früher für selbstverständlich gehalten habe. All das will verarbeitet werden. Als Erzähler bleibt mir nichts anderes übrig als… zu erzählen. Jede neue Geschichte ist für mich ein Mosaikstein.
„Wenn jede Geschichte ein Mosaikstein ist, was ist auf Ihrem Mosaik zu sehen?“
„Na ja, mein Mosaik ist mein Bild der Welt, es ist ein kleiner Versuch, unser Dasein auf dieser Erde zu verstehen.“
„Udo Schilder, ich danke für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.“

 

CCB - März 2015