Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein Geschichtenerzähler namens Udo, der mit seinem Leben unzufrieden war, weil er meinte, dass er nicht reich und berühmt genug war. So fing er an zu überlegen, wie er diese Situation ändern könnte.

„Es muss etwas ganz Einzigartiges und Großes sein, das niemand je gewagt hat“, beschloss er.

Er sann viele Tage, Wochen und Monate über sein Vorhaben. Er sah sich schon bei Empfängen in Literaturhäusern, bei Interviews auf den besten Rundfunk- und Fernsehkanälen. Dabei strahlte er und erzählte begeistert, wie er zu seinem Meisterwerk kam.
In Wirklichkeit aber bot sich keine richtige Idee an – er wurde grantig, verlor Schlaf und Appetit. Sein halblanges graues Haar, einst eine rote Prachtmähne, wirkte matt und dünn, während die blauen Augen aus dunklen Höhlen hervorstachen.

„Wie, wie soll ich es anders anstellen, was mache ich falsch?“

Von seinem Projekt hatte er niemandem erzählt aus lauter Angst, andere könnten ihm seine Idee stehlen. Als er nahe daran war, das Ganze über Bord zu werfen, um nicht endgültig dem Wahnsinn zu verfallen, kam sie endlich – die leuchtend rettende Idee: Er würde das Lied der unendlichen Möglichkeiten komponieren! So wie der alte König von einst würde er mit seinem Lied weit über seine Lebenszeit und die Grenzen seiner Heimat hinaus in der ganzen Welt bekannt sein!

„Es soll etwas Großes, Buntes, Inspirierendes werden, das dem Thema alle Ehre macht. Ein Lied muss singen, anschwellen, das Gemüt mal in die eine, mal in die andere Richtung lenken, den Geist erfreuen, bislang ungeahnte Welten eröffnen“, überlegte er, die spärlichen Haare seines rotblonden Ziegelbarts streichelnd.

Je länger Udo sich mit seiner Idee befasste, umso bewusster wurde ihm ihr Umfang. Dies regte ihn auf, ließ ihn in seinem Haus gedankenverloren auf- und abgehen. Manchmal hielt er inne und schritt zu seinem großen Schreibtisch, machte sich ein paar Notizen auf Papier oder tippte etwas in den Computer.